Ein konkretes Format statt allgemeiner Appelle
Viele Schulen reagieren auf Konflikte erst, wenn sie eskalieren. Genau dort setzt Holly Win an: Das Programm an der NMS Brüsslgasse installiert Peer-Mediation nicht als einmaligen Workshop, sondern als festen Bestandteil des Schuljahres. Zwei Schüler:innen pro Klasse der 7. Schulstufe werden zu Peer-Coaches ausgebildet; sie absolvieren 16 Stunden Training in gewaltfreier Kommunikation, Gesprächsführung und Dokumentation. Die Sprechstunde findet anschließend wöchentlich in einer fixen 25-Minuten-Einheit statt.
Warum der Ansatz bei der Ursache ansetzt
Die Ursache vieler Pausenkonflikte ist nicht Bosheit, sondern ein fehlendes Verfahren: Betroffene wissen nicht, an wen sie sich wenden können, Lehrkräfte erfahren davon zu spät. Holly Win verlagert die erste Klärung deshalb auf geschulte Gleichaltrige. Im Rollenspiel trainieren die Coaches typische Situationen wie Ausgrenzung im Klassenzimmer, Gerüchte im Klassenchat und Streit um Sitzplätze. Der Effekt ist messbar im Schulalltag: Konflikte werden früher gemeldet, und die Lehrkräfte müssen seltener disziplinarisch eingreifen.
Der Ablauf in drei Stufen
- Meldung: Betroffene werfen eine kurze Notiz in den Klassenbriefkasten oder sprechen einen Peer-Coach direkt an.
- Geklärtes Gespräch: Innerhalb von zwei Schultagen führen zwei Coaches ein strukturiertes Mediationsgespräch mit allen Beteiligten; die Lehrkraft bleibt im Hintergrund.
- Nachverfolgung: Nach sieben Tagen fragt das Team nach, ob die Vereinbarung eingehalten wurde. Jede Mediation wird anonymisiert im Logbuch erfasst und monatlich im Klassenrat ausgewertet.
Was Lehrkräfte beobachten
Die Rückmeldungen aus dem Kollegium sind konkret: In Klassen mit aktiven Peer-Coaches sinken die spontanen Meldungen wegen Pausenstreitigkeiten, während mehr Schüler:innen freiwillig das Gespräch suchen. Ein Beispiel aus einer 7. Klasse zeigt die Verschiebung: Ein Konflikt um einen Chat-Ausschluss wurde nicht erst nach Wochen, sondern am nächsten Tag bearbeitet. Die Takeaway-Regel lautet: Je früher die Zuständigkeit geklärt ist, desto weniger Konflikte brauchen Erwachsene.
Grenzen und nächste Schritte
Holly Win ersetzt keine Schulpsychologie und keine Krisenintervention. Bei Mobbing mit Gewalt, Drohungen oder strafrechtlich relevanten Inhalten wird das Peer-Team sofort an eine Lehrkraft übergeben. Damit die Qualität nicht sinkt, braucht es feste Supervision: Die NMS Brüsslgasse plant vier Termine pro Schuljahr, an denen eine externe Beratungsstelle die Coaches begleitet. Für interessierte Schulen ist weniger die große Kampagne entscheidend als ein stabiles Logbuch, klare Übergaberegeln und ein sichtbarer Zeitplatz im Stundenplan.
